And we just wanna feel something we're not

... forget about the limits that we got*




lyrics jan blomqvist - empty floors
Abwegig

Eine Geschichte über das sich Aufmachen um sich kennenzulernen, das Suchen des Anderen und die beständige Möglichkeit des Scheiterns ...g

Abwegig

Schritt für Schritt näherte sie sich der grünen Phalanx an Baumriesen, die sich am Eingang des Waldes vor ihr auftürmten. Es war schwer zu sagen, was sie mehr anzog: das Ungewisse, die Schatten oder jene Dinge, die es darin zu entdecken gab. Alles hatte seinen Reiz, nun, da die Suche begonnen hatte. Nun, da sich ihre Aufmerksamkeit gebündelt hatte zu einem elektrisierenden Strom, der sie unablässig antrieb.
Am Waldrand traf sie auf ein undurchdringliches Dickicht, ein verwobenes Gewirr aus bemoosten Baumstämmen, Wurzeln, Sträuchern und dornigen Heckenpflanzen. Eine im Laufe eines Lebens gewachsene, natürliche Schutzschicht, die Eindringlinge davon abhalten sollte, weiter voranzukommen. Dinge zu sehen, die nicht für sie bestimmt waren oder gar mutwillig Schaden anzurichten, im Inneren. Sie ließ sich nicht davon beirren, denn sie zog nicht zum ersten Mal los auf die Suche und sie hatte nicht vor, im Inneren zu wüten. Vergangene Streifzüge hatten ihr gezeigt, dass sich jenen, die willkommen waren, ein Weg auftun würde – irgendwo, in mitten der wehrhaften, grünen Mauer, an einer unscheinbaren Stelle, die nur jene wahrnehmen würden, die wirklich auf der Suche waren.
So schritt sie entlang des Randes, nicht zögerlich und auch nicht hastig, stetig und suchend, denn das war die Haltung, die bei diesem Vorhaben hilfreich war. Genauso hilfreich, wie die Erfahrung der vorherigen Ausflüge in andere Seelengründe. Die Aufmerksamkeit richtete sich so viel schneller auf die ansonsten leicht zu übersehenden Hinweise auf einen möglichen Zugang. Eine kurze Weile später fiel ihr forschender Blick auf eine winzige Unregelmäßigkeit im Geäst einer Weißdornhecke. Sie trat näher, spähte in die Hecke hinein und erkannte dahinter die vage Andeutung eines schmalen Pfades. Eine Andeutung nur, gleichwohl, eine Möglichkeit. Wie immer drängte sie ihr erster Impuls nach vorne: hinein, loslaufen, weiterkommen, endlich wieder in die richtige Richtung gehen. Ihr Herz, das nie abwarten wollte, was der Verstand noch zu beschließen hatte, war schon vorausgeeilt, zwei Biegungen weiter hüpfte es aufgeregt zwischen den Rippen.
Sie pfiff es wieder zurück und es kam angetrabt, widerwillig, wie ein Hund, dem man die Treibjagd verwehrt. Sie fing es ein und befahl ihm sich zu beruhigen. Dann nahm sie auf einem umgestürzten Baumstamm Platz und Haltung an, für das bevorstehende Ritual. Früher, da wäre sie ihrem Herzen gefolgt, blind und getrieben von der Freude des Augenblicks. Dem erstbesten Irrlicht wäre sie zutraulich hinterher geeilt, meilenweit, bis in die Sackgasse hinein, dann umgekehrt und wieder weiter auf dem nächsten Pfad. Viele Umwege war sie auf diese Weise schon leichtfüßig abgelaufen, auf all den Suchen zuvor. Frisch und ohne viel Gepäck auf dem Rücken. Das war nun anders. Sie stellte das Bündel, das sie bis hierher mit sich getragen hatte, auf den weichen Waldboden hinter sich und begann mit der Prüfung:

Wieso war sie hierher gekommen? Was zog sie an?

Ihr erster Gedanke galt ihm und sogleich fielen die Antworten auf sie herab wie das Laub im späten Herbstwind. Sätze aus seinem Mund, die liegengeblieben waren, um zu trocknen. Gedanken, kleine Funken, die zünden können, wenn man sie lässt. Sein Lachen auch, seine Verletzlichkeit und die Art damit umzugehen. Seine Leidenschaften und seine Fragen. Die Geschichten auf seinem Körper, seine Wut, sein Feuer. Aber vor allem, und das war das Unwiderstehliche, all jenes, was noch im Verborgenen lag. Neugier, flackernd und wärmend, war der Antrieb, der sie in Bewegung gesetzt hatte. Eine gewisse Erleichterung durchströmte sie bei dieser Feststellung, denn Neugier war ein eher ungefährlicher und dennoch sehr kräftiger Antrieb. Unbefriedigte Neugier konnte wohl lästig sein, doch niemals zerstörerisch!
Also fuhr sie fort mit der Überprüfung ihres Vorhabens: was hatte sie zu verlieren? Sie blickte auf ihr Bündel und wusste mit absoluter Gewissheit, dass sie es nicht zu ihrem Verlust machen würde. Es widerstrebte ihr schon, in ihm eine Belastung zu wähnen, doch es ließ sich auch nicht abstreiten, dass die Suche durch den zusätzlichen Ballast anders verlaufen musste als alle anderen Suchen zuvor. Um keine unnötige Zeit zu verlieren, kam sie zu dem Beschluss, dass sie es einfach als Herausforderung annehmen würde, als etwas, an dem man nur wachsen, aber nicht zugrunde gehen kann. Es war ein wesentlicher Teil von ihr und im Wesentlichen ein Teil vom Guten in ihr. Darum schien es unverhandelbar, dieses Bündel zurückzulassen, aufzugeben oder ernsthaft in Gefahr zu bringen. Sie würde es aufbuckeln, schleppen und hüten, darauf acht geben, dass es in der Wildnis keinen Schaden nahm.

Was also noch?

Einen kurzen Augenblick lang verschwendete sie einige Gedanken an die Richterpflanzen, wuchernde und unheilvolle Gewächse, die sich alles, was man tut und was ihnen davon vor ihre Mäuler gerät, gierig einverleiben, um es dann durch einen engen Schlund von Anstand und Moral zu jagen. Die unverdaulichen Überbleibsel unserer Entscheidungen und Handlungen speien sie am Ende aus, einen zäh wabernden Schlick aus moralischen Verfehlungen, der die makellos weißen Westen für immer befleckt. Obwohl sie die Richterpflanzen zutiefst verachtete, konnte sie nicht leugnen, dass sie Unbehagen in ihr hervorriefen. Doch es war auch nicht stark genug, um sie aufzuhalten.
Als Letztes gestand sie sich ein, dass es natürlich etwas gab, das ihr Angst machte. Es gab da einen Abgrund, an dessen Rand sie gerne weiterhin furchtlos entlang schreiten würde, zumindest eine kleine Weile noch. Der Abgrund des namenlosen Grauens, der Endlichkeit und des Verfalls. Er würde sich nicht verschieben, er würde immer da sein -  soviel war ihr klar. Es lag nicht in ihrer Natur unangenehme Dinge zu verdrängen. Und doch nährte etwas in ihr noch die Zuversicht, dass auch dieser Abgrund, wie jeder andere auch, seine geheimen Perspektiven hatte. Dass an dessen Rändern oder auch auf dessen Grund Dinge zu Tage treten würden, die ihr die Kraft gaben wieder an die Oberfläche zu gelangen. Das hatte bisher immer gut funktioniert, warum sollte es nicht auch mit dem Abgrund des namenlosen Grauens funktionieren?
„Weil es der letzte Abgrund ist! Es gibt dann keine Oberfläche mehr, an die man zurückkehrt!“ Es war die kalte, harte Stimme von Spietato, die sie ohne Vorwarnung am Rande des Waldes überraschte. Sie hatte nicht erwartet, dass er sich zu Wort melden würde – nicht jetzt schon. Spietato war der kleine, unbarmherzige Dämon, der schon immer in ihr wohnte und den sie nach der Eigenschaft benannte hatte, welche er in absoluter Vollkommenheit verkörperte: Gnadenlosigkeit. Was auch immer Spietato aus den dunklen Ecken ihrer Seele heraus zu verlautbaren hatte, es war immer herzlos, ohne Rücksicht auf ihre eigenen Gefühle oder die der anderen. Er kannte kein Mitgefühl und keine Moral, er kannte nur das Böse, das Hässliche und Schlechte, zu welchen er eine innige Freundschaft pflegte. Man konnte ihm zu Gute halten, dass er immer ehrlich war, doch seine Ehrlichkeit trug die Saat der Verzweiflung und der Zerstörung in sich.
Sie aber wollte nicht verzweifeln. Nicht jetzt und wenn möglich auch nicht in der Zukunft vor ihr, darum suchte sie nach etwas Lichtem, mit dem sie ihn ein weiteres Mal in seine Schranken weisen würde. Sie nahm Haltung an, damit ihr Spietato die Verteidigung des Guten abnahm: „Wenn du tatsächlich recht haben solltest, dann wird sich eben auch am Boden dieses letzten Abgrundes das eine oder andere Schöne finden lassen!“
Mit milder Zufriedenheit vernahm sie, wie ihr Dämon hinabfuhr, mit hämischen Gelächter zwar, aber dennoch – er verschwand, zurück in die Finsternis der hintersten Winkel ihrer Seele  - es herrschte wieder Stille in ihr. Rasch nahm sie ihr Bündel auf, schulterte es und schlug sich in den schmalen Spalt, der sich zwischen den Zweigen der Weißdornhecke öffnete. Sie hatte sich nicht getäuscht, dahinter wand sich ein Pfad, der hinein in den Wald vorzudringen schien. Er war nicht sehr breit, ein Wildwechsel womöglich, aber er wies in eine Richtung. Mit der Gewissheit derer, die immer auf den einen oder anderen Weg gestoßen waren, vertraute sie sich und ihre Schritte dem Pfad an. Zügig schritt sie aus, denn sie wusste um all die Hindernisse und die Mühsal, die ihr weiteres Vorankommen noch erschweren würden. Noch befand sie sich im fruchtbaren Teil des Waldes, wo die Vögel sangen, Beeren wuchsen und Sonnenstrahlen hier und da den Boden berührten. Der Teil, der dazu einlud, länger zu verweilen und nach einer erquicklichen Rast im Schatten aufs offene Feld zurückzukehren - mit leichtem Herzen, bei Kräften und unverletzt. Es war der Teil, in dem man sich nicht verlieren konnte.
Ohne Mühe gelangte sie auf dem Pfad immer weiter voran, überwand im leichten Schritt die ersten sanften Anstiege und trank dankbar aus einer dahinplätschernden Quelle.  Um sie herum tauchte die hereinbrechende Dämmerung schon die Baumstämme in ein alles verschleierndes Zwielicht, da bemerkte sie, dass der Wald sie anschwieg. Die Tagtiere hatten begonnen, sich in ihre Nachtlager zurückzuziehen, die Vögel waren verstummt und bevor die Tiere der Nacht hervorkrochen, würde noch die eine oder andere Stunde verstreichen. Es war nicht unbedingt die Stille, die Unruhe in ihr aufkommen ließ, als vielmehr die Abwesenheit von Regungen. Ihre Augen waren es gewohnt, ihre unmittelbare Umgebung nach ungewohnten Bewegungen abzusuchen, ihre Ohren filterten unablässig die Geräusche der Bäume und Rufe des Waldes und so war ihr Hirn stets damit beschäftigt, Informationen aus den gesammelten Eindrücken zu lesen. Doch nun, da es in der Stille der hereinbrechenden Dunkelheit nichts zu hören und nur sehr wenig zu sehen gab, flackerte ihr Geist unsicher zwischen den Gedankenwelten, die wie Nebelschwaden um sie herumzogen.

Hatte auch er sich aufgemacht? Hatte er den Einstieg bemerkt, die gut getarnte Lücke zwischen zwei umgestürzten Bäumen hinter der sich ein Weg öffnete?

Die aufsteigende Kühle der Nacht legte ihre klammen Finger auf ihren Nacken, sandte Wellen des Zauderns an ihrem Rücken hinab. Ihr Schritt verlangsamte sich. Ihre Füße verfingen sich in den Ausläufern eines undurchdringlichen Gestrüpps, das im Halbdunklen kaum auszumachen war. Dornen drangen unverhohlen in die Oberfläche ihrer nackten Haut und malten surreale Kratzmuster um ihre Knöchel.
Hier konnte sie nicht Halt machen, nicht mitten im Dickicht des Zweifels, einer feindlichen Umgebung, die gnadenlos an ihren Kräften zehren würde. Also trieb sie ihre Schritte voran, weiter am Rand des Dornengestrüpps, bis ihre Fußsohlen eine weich bemooste Fläche unter sich wahrnahmen. Hier musste der Pfad verlaufen … der Weg… wenn es ihn denn gab. Nein, sie würde sich nicht den Fängen des zweifelnden Dickichts hingeben. Dem zu vertrauen, was sie antrieb, das hatte sie gelernt und es hatte sie immer gut geleitet. Darum weiter auf samtigen Sohlen, schweigsam durch den granitgrauen Vorhang der Nacht.
Der Ruf des Waldkauzes riss sie aus ihren düsteren Gedanken, erfüllte sie mit neuer Zuversicht. Begleitete sie ein Stück ihres Weges. Der Klang seiner vertrauten Stimme tänzelte und wand sich wie ein Bumerang am Himmel, mal ganz nah, dann wieder viele Baumwipfel weit entfernt- ein Kommen und Gehen. Und doch immer da. Seine Suche zeugte von der Unermüdlichkeit eines Jägers, der nie seine Beute aus dem Blick verliert. Seine Kreise umschlossen ihren flatterhaften Geist mit der Gewissheit, dass der Anfang das Ende war und das Ende der Anfang. Immer. Überall. Daran konnte sie sich entlang hangeln, zumindest solange, bis sie ein Nachtlager gefunden hatte.
Kurz bevor das letzte Glimmen des scheidenden Lichts mit der Nacht verschmolz, blitzte der Seelensplitter in einiger Entfernung von ihr auf. Mit wenigen Schritten war sie an der Stelle, bückte sich und hob ihn vorsichtig auf. Scharfkantig, brüchig und schwerelos lag diese rohe Kostbarkeit auf der Innenseite ihrer Hand. Sein, ganz unverkennbar – sein, nur ein winziges Fragment: ein, zwei Worte bloß, dazu die Rauheit in seiner Stimme, an der sie sich kaum satt hören konnte. Als sich ihre Faust fest um den geborgenen Splitter schloss, grub sich die rohe Längskante unerbittlich in die dünne Haut. Ungerührt nahm sie das Stechen zur Kenntnis, den Riss, aus dem ein kleines Rinnsal troff und mit ihm auch ein bizarr schöner Schmerz. Ein Sehnen, das wohlig warm durch ihre Adern emporkroch und in ihre Brust schwappte, wo es sorgfältig jedes Kapillar ausfüllte.

Sie beschloss, den Fund als gutes Omen zu betrachten und an diesem Ort die Nacht zu verbringen. In einer Kuhle auf dem Waldboden richtete sie sich ihr Nachtlager her, verstaute ihr Bündel unter ihrem Kopf, rollte sich auf die Seite und sank im selben Augenblick in einen traumlosen Schlaf.

Die folgenden Tage entpuppten sich als erste wahrhafte Prüfung ihres Unterfangens. Von der Stelle, an der sie in der ersten Nacht geschlafen hatte, führte kein wahrnehmbarer Weg weiter durch das Gelände. Sie musste am Abend zuvor bei der Umgehung des Dornengestrüpps vom ursprünglichen Pfad abgekommen sein. Da Umkehren keine Option zu sein schien, schlug sie sich mühsam mit dem Bündel zwischen den Schultern durch das Unterholz. Je weiter sie vordrang, desto mehr verlor sie jegliches Gefühl für Zeit und Raum. Der Wald um sie herum war hier zwar dichter bewachsen, doch durch die Baumkronen der Laubbäume schillerte hier und da noch genügend Tageslicht hindurch, um ihr zumindest einen groben Anhaltspunkt zu liefern, wie weit der Tag schon vorangeschritten war. Im Ganzen aber sogen die hier beheimateten Schatten Strahl für Strahl immer mehr Helligkeit aus den Tagen und sie spürte, wie es ihr schwer ums Herz wurde.
Sie hoffte inständig darauf, hinter der nächsten Baumgruppe oder dem nächsten Strauch wieder auf einen begehbaren Weg zu gelangen. Das Gefühl, ziellos durchs ein tückisches Dickicht zu irren, zehrte an ihrer Zuversicht und so umklammerte ihre Hand unentwegt den kleinen Seelensplitter, der ihr immer noch einen gewissen Antrieb verlieh. Doch sie wusste, dass auch diese Kraft Tag für Tag schwand und sie nach weiteren Seelensplittern Ausschau halten musste. Die meisten von ihnen befanden sich in unmittelbarer Nähe der Wege. Sie aber war abseits davon unterwegs, was die Möglichkeit eines Funds erheblich schmälerte.
Am Abend des dritten Tages stolperte sie kurz nach Einbruch der Dunkelheit erschöpft über ein Baumwurzelgeflecht, stürzte und da der Boden, auf dem sie aufkam, trocken und weich erschien, blieb sie einfach liegen und ließ die Wogen der Nacht über sich zusammenschlagen. Trotz der Müdigkeit, die bleiern jede Faser ihres Körpers lahm legte, wollte kein Schlaf sie für kurze Zeit aus dem mühseligen Hier und Jetzt erlösen.
Stattdessen vernahm sie aus der Ferne Spietatos Stimme, die höchstvergnügt aus dem Hinterhalt von seinen Begegnungen in den letzten Tagen Bericht erstattete. Er hatte sich herumgetrieben, wie es seine Art war, war ins Gespräch gekommen mit den Bewohnern des Finsterwaldes: Geistern, Vertriebenen, Zwischenwesen.  Alles, was er von sich gab, diente nur einem Ziel: sie zu verunsichern. Sie zu schwächen, damit sie zu hadern begänne über ihren Entschluss.
„Man spricht nichts Gutes über dich und über deine Suche… verdammt sei sie, zum Scheitern verdammt!“ In jeder Silbe schmatzte wohlige Genugtuung lechzend aus seinem Maul. „Alles seist du, nur nicht die rechte Frau für diese Zeit! Aber vor allem erzählt man sich Geschichten von einem Dämon, der hier haust und der seines Gleichen sucht! Einem Dämon, der lauernd Fallen stellt, weil er seine Opfer gerne bei lebendigen Leib heimsucht.“ Mit großer Lust am Erzählen beschrieb Spietato im Detail, wie die verschiedenen Quellen über den bloßen Gedanken an diese düstere Gestalt des Seelenwaldes in Angst und Schrecken ausbrachen. Ihr dagegen erschien nur eine einzige Frage wirklich relevant zu sein:
„Ist es einer seiner Dämonen?“ Denn wenn es so wäre, dann wüsste sie wenigstens, dass sie nicht ganz alleine aufgebrochen war. Dass er zumindest einen Teil von sich ebenfalls losgeschickt hatte. In ihrem augenblicklichen Dämmerzustand zwischen Schlaf und Wachen erschien ihr selbst ein Kennenlernen seiner Schattenseiten als würdiges Ziel ihrer eigenen Suche. Spietato aber dachte nicht daran preiszugeben, was er über die Identität des Dämons herausgefunden hatte oder auch nicht. Er gefiel sich stattdessen viel mehr in der Rolle des Hetzers, der ihre eigenen Unsicherheiten besser kannte als sie selbst und darum mit jedem Gerücht, das er wiedergab, neue Stolperfallen und Falltüren erschuf.
Sie aber wusste, dass es keinen Sinn hatte liegen zu bleiben und sich diesem zermürbenden Prozess auszusetzen. Er würde kein Ende finden, unermüdlich würde er weiter sticheln bis zum Morgengrauen. Ob sie dann noch die Kraft finden würde sich aufzurappeln und weiter zu ziehen, das konnte sie nicht wissen, darum war es nur klug und umsichtig, es jetzt zu tun, solange sie noch in der Lage dazu war. Sie öffnete die Augen und blickte zwischen den Baumwipfeln hindurch auf die einzelnen Himmelsfetzen, die dazwischen zu sehen waren. Die Nacht schien ihr und ihrem Vorhaben gewogen, denn der Mond schimmerte größtenteils unverhangen durch die Zweige und hellte ihre Umgebung soweit auf, dass sie sich halbwegs zurechtfinden konnte. Also lief sie los. Seinen Seelensplitter in der linken Hand, ihr Bündel auf dem Rücken und dem einen Gedanken im Kopf, an dem sie von Anbeginn ihrer Suche unablässig festgehalten hatte: Es gibt immer einen Weg. Die menschliche Seele ist immer eine Reise wert, es lohnt sich also immer zu suchen.
Und ihre Hartnäckigkeit wurde belohnt. In der Mitte der Nacht, am dunkelsten, kältesten Punkt wurde sie eines Tiers gewahr, das um sie herum seine Kreise zog. Sie konnte es nicht genau orten, denn zunächst vernahm sie nur ein leises Rascheln der Blätter am Boden, wenn dessen Pfoten den Boden sanft berührten. Dann war es ihr, als habe sie einen sich bewegenden Umriss von der Größe eines Hundes oder Wolfes erkannt, der geduckt in einiger Entfernung zu ihr zwischen den Bäumen lief. Von dem Vierbeiner ging keine bedrohliche Feindseligkeit aus, vielmehr hatte sie den Eindruck, dass er jetzt, wo er ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, die Führung übernahm und ihr den Weg weisen wollte. Da sie selbst bis hierher in eine willkürliche Richtung gewandert war, beschloss sie ihrem Instinkt folgend, hinterher zu gehen. An einer kleinen, vom Mond beschienen Lichtung fanden ihre Vermutungen Bestätigung. Im Schein des Mondlichts setzte sich ein fast schon grazil wirkender Wolf neben einen Baumstumpf und stimmte ein einsames Geheul an, das von seiner Suche erzählte. Auch er hatte sich aufgemacht, die Wälder durchstreichend, vielleicht in der Hoffnung auf Anschluss, auf ein Miteinander und die Geborgenheit eines Rudels.
In dieser Nacht blieb sein Ruf ohne Antwort. Als er verstummte und von dannen zog, betrat sie die Lichtung und erreichte die Stelle neben dem Baumstumpf, an der der Wolf gesessen hatte. Und dort, zwischen zwei verwobenen Wurzelläufen, fand sie ihn. Ein handtellergroßer, gekrümmter Stein, von mehreren rot glimmenden Adern durchzogen. Seelenblut, das darin floss und leuchtete. Sie hob den zweiten Seelensplitter auf und verspürte Erleichterung, obwohl er wohl an die vier mal soviel wog, wie der erste, den sie seither mit sich getragen hatte. Wie er dort so warm und glimmend in ihrer Hand lag, zogen sie alle wieder ein, in ihr zweifelndes Herz. All die geteilten Überzeugungen und gemeinsamen Vorlieben, alles was sie mit ihm verband und was sie überhaupt dazu bewogen hatte, los zu marschieren. Für einen Moment war es, als tauche ihre Seele in eine angenehm heiße Badewanne, um ihre angespannten Glieder zu lockern. Sie genoss den Augenblick des sich Auflösens in vollen Zügen und bemühte sich, soviel innere Wärme wie möglich abzuspeichern, für alles, was ihr noch bevorstand. Im Wissen, dass Seelensplitter meist am Wegrand aufzufinden waren, beschloss sie auf der Lichtung bis zum Anbruch des Tages zu ruhen und dann bei Licht nach dem Weg zu suchen. Zufrieden mit der Wendung, die diese Nacht mit sich gebracht hatte, konnte sie in einen kurzen und dennoch erquickenden Schlaf fallen.

Das Tageslicht brachte die Bestätigung ihrer Vermutungen: unweit von der Lichtung fand sie den erhofften Weg, wiederum nur ein schmaler, wenig ausgetretener Pfad, von dem man nicht sicher sein konnte, ob er sich nicht im bedeutungslosen Nirgendwo verlief. Und doch war es soviel leichter dieser Spur zu folgen, statt ziellos auf völlig unbegangenen Strecken durch das Unterholz zu pflügen. Frohen Mutes und leichten Herzens hatte sie am Morgen die Richtung eingeschlagen, in der sich auch der Wolf in der Nacht von der Lichtung entfernt hatte. Seitdem hatte sie etliche Meilen hinter sich gebracht, vor sich her summend, die beiden Seelensplitter in ihren Taschen am Körper tragend und ihr Bündel auf dem Rücken. Natürlich hatte sie bemerkt, dass sie sich mit dem Weg einen Anstieg hinaufwand und auch, dass die Bäume und Sträucher weniger dicht wuchsen. Alles deutete darauf hin, dass sie sich mit jedem Schritt auf ein Ende des Waldes zu bewegte, ohne unterdessen auf ihn getroffen zu sein. Sie verbat es sich, über diese Beobachtung hinaus nachzudenken und sich Fragen nach dem danach zu stellen. Weil sie in der zweiten Tageshälfte der Hunger überkam, freute sie sich über das wieder reichhaltige Angebot an Beeren, Nüssen und Brennnesseln, das sie am Wegrand vorfand. Kurz bevor sie ihr Nachtlager errichtete und ein wärmendes Feuer entzündete, hatte sie eine weit gestreckte Kolonie von bläulich schimmernden Pilzen entdeckt. Der Geschmackstest ergab, dass sie schon im rohen Zustand leicht süßlich schmeckten und fast schon cremig auf der Zunge zergingen, darum sammelte sie eine reichliche Portion von ihnen ein und briet sie zusammen mit aufgelesenen Nüssen und Bucheckern über dem Feuer an. Gesättigt von dem reichhaltigen Mahl schlief sie neben der Glut ein.
Die verzehrten Pilze aber waren keine gewöhnlichen Speisepilze gewesen, sondern entsprangen den Sporen des Bösen. Aus der Familie der Suckerpilze stammend - Gewächse, deren Wirkungskraft sich in einem unausweichlichen Sog in die Tiefe richteten- löste ihr Verzehr starke bewusstseinsverändernde Reaktionen  und verstärkte Albträume aus. Je nach Anlage verstärkten sie vorhandene Abneigungen und Ängste um ein Vielfaches und stürzten den jeweiligen Konsumenten in eine emotionale Abwärtsspirale.
Aus dem ersten Albtraum erwachte sie schweißgebadet ohne sich erinnern zu können, was in dem Traum vorgegangen war. Sie wusste nur, dass sie zu einem Schreckensschrei angesetzt hatte, dessen Ton nie ihre Lippen verlassen hatte. Ein beängstigendes Gefühl von Kontrollverlust über ihre eigenen Sinne erstreckte sich über ihren gesamten Körper. Der letzte verbliebene Funken Verstand riet ihr dringend dazu, sich aufzurappeln und den Inhalt ihres Magens loszuwerden. Aus ihrem Mund schoss eine befremdlich blaue Masse, ergoss sich über dem Waldboden und blieb dort in einer schwach glitzernden Pfütze zwischen den Blättern liegen. Nach dieser Entleerung fiel sie geschwächt zurück auf ihr Lager, doch das verbliebene Gift schwelte weiterhin in ihren Adern und verteilte sich zügig über alle Körperregionen. Schweißausbrüche wechselten sich mit Schüttelfrostkrämpfen ab, in ihrem Ohr plagte sie ein konstant knarzendes, bedrohliches Brummen. Der sich in jede Hirnwindung verschraubende Schmerz in ihrem Kopf drohte ihre Schädeldecke zu sprengen und Koliken durchzuckten in wiederkehrenden Wellen ihren gesamten Unterleib. Aber kein körperlicher Schmerz glich dem Kampf, der sich im Inneren vollzog. Ihr Geist war in einem undefinierbaren Zustand zwischen Traum und Wirklichkeit gefangen, in welchem die schrecklichen Szenarien des Traums sich absolut real anfühlten und gleichzeitig aber die Gesetze der Realität außer Kraft gesetzt schienen. Gegen ihren Willen hatte die Sogwirkung der Droge sie an den Rande eines Abgrundes gezerrt, an dessen Kante sie nun nackt und einsam flach auf dem Boden lag, ihre Hände in das Erdreich gekrallt, um nicht den Halt zu verlieren. Über das bedrohlich Brummen in ihren Ohren hatte sich eine Stimme gelegt, die ihr bekannt vorkam. Ihr Entsetzen war grenzenlos, als sie erkennen musste, dass es seine Stimme war, unverwechselbar mit dem sanften Kratzton im Abgang, doch gleichzeitig schien eine unsichtbare Hand am Vocoder jegliche menschliche Regung, jedwede Wärme und Herzlichkeit ausgeblendet zu haben. So knarzte und knackte sie wie eine zerberstende Eisdecke kurz vor dem Einbruch. Sie konnte nicht verstehen, was die Stimme sagte, denn sie sprach in einer ihr gänzlich fremden Sprache, doch die innere Botschaft der Worte kam wohl an in ihrem Herzen. Sie erzählte von Erstaunen und Belustigung, mit der er ihrem Ansinnen begegnete, kalter Zurückweisung und auch von dem Gefühl des angeekelten Mitleids, das er für sie empfand. Es waren diese Empfindungen, die den unausweichlichen Sog zum Abgrund hin formten: Spott, Zurückweisung, Ekel und Mitleid. So sehr sich sich auch am Boden festkrallte, es zog sie Stück für Stück näher an die Kante heran.

Und dann befand sie sich im freien Fall.

Sie fiel mit dem Schrei auf den Lippen, der diese mit keinem Laut verließ, sie fiel mit dem Blick nach oben in den schwindenden Himmel und spürte wie ihr Bündel von ihren Schultern rutschte und vor ihr in die Tiefe glitt. Sie stürzte in eine schwarze Endlosigkeit, während sie sich krampfhaft einzureden versuchte, dass es ein Traum war, in dem sie nicht zu Tode kommen konnte, weil man alles träumen kann, aber nicht den eigenen Tod. Statt des Aufpralls folgte ein erneutes Erwachen, eine winzige Pause nur, zum Atemschöpfen in den halbwegs sicheren Gefilden der wirklichen Welt. Doch kaum dass sich ihre Atemfrequenz wieder einigermaßen beruhigt hatte, stand ihr Bewusstsein bereits am Eingangstor eines weiteren Traums. Diesmal zog sie der Sog nicht auf einen Abgrund zu, sondern in einen Wasserstrudel hinein, doch alle anderen Begleiterscheinungen waren vergleichbar. Statt seiner entmenschlichten Stimme starrten sie nun seine entseelten Augen schwarz und kalt aus einem Gesicht an, das zwar seine Züge trug und doch mit keinem Zug an an sein Wesen erinnerte. Und der Strudel verschluckte sie und sie sank und taumelte dem Grund entgegen und spürte, wie ihr die Luft ausging, noch bevor sie versuchen konnte, einen Schrei von sich zu geben. Auch aus diesem Traum erwachte sie bevor sie den Grund erreichte, nur um kurz Atem zu holen und wieder abzutauchen in die nächste Windung einer stets abwärts gerichteten Spirale.
Sie hätte nicht sagen können, wann das alles ein Ende nahm. Nicht, wie lange sie an dieser Stelle gelegen und zwischen Traum und Wirklichkeit vegetiert hatte. Das erste Mal, als sie wieder zu sich kam und länger als für ein paar Atemzüge wach blieb, fühlte sie sich unendlich ausgelaugt. Ein verblichenes, zerschlissenes Tuch vom zehrenden Sturm in Fetzen gerissen. Um sie herum waren die Blätter von den Bäumen gefallen und hatten sie mit einer dichten Laubschicht bedeckt, die sie offensichtlich gewärmt hatte. Sie fühlte sich viel zu schwach um aufzustehen, also blieb sie einfach liegen, ohne sich über irgendetwas Gedanken zu machen. So wurde sie von einem Schlaf übermannt, der keine Träume mehr brachte, sondern in völliger Abwesenheit des Bewusstseins alle Wunden zu heilen versuchte. Das darauf folgende Erwachen gewährte ihr ein paar Stunden auf ihren entkräfteten Beinen, um den Kreislauf in Schwung zu bringen und Feuer zu machen. Bis zum Einbruch der Dunkelheit war sie bemüht, die Signale ihres Körpers zu verstehen, um eine Entscheidung darüber zu treffen, ob und wann sie weiterziehen konnte. Doch am Ende verstrichen noch zwei Tage und zwei weitere Nächte, bis sie eines Morgens zum ersten Mal wieder einen inneren Drang verspürte, fort zu kommen.
Kurz nach ihrem Aufbruch meldete sich Spietato zu Wort, der sehr zu ihrem Erstaunen all die vergangenen Tage und Nächte still gehalten hatte. Vermutlich hatte ihn diese Zurückhaltung einiges an Überwindung gekostet und er genoss es, nun wieder in gewohnter Rücksichtslosigkeit den Finger in die Wunde zu legen.  
„Nun, wie war dein Stelldichein mit der Kraft des viel gefürchteten Dämons? Du scheinst mir recht angeschlagen aus der Sache hervorzugehen!“ Sein boshaftes Gelächter verlieh der Situation einen gewissen Hauch von Normalität, wo ansonsten keine war, etwas Vorhersagbarkeit in einer Unternehmung, deren Ausgang völlig offen war. Beinahe dankbar um die Möglichkeit sich über etwas Klarheit zu verschaffen, antwortete sie ihm entschieden:
„Das war kein Stelldichein, das war eine handfeste Lebensmittelvergiftung, mit diesen Pilzen waren etwas nicht in Ordnung und den ganzen Rest hab ich wohl ihrer bewusstseinsverändernden Wirkung zu verdanken. Und danke der Nachfrage, mir geht es gut!“
Natürlich wusste Spietato es besser. Eine ganze Weile fand er Gefallen daran, sie mit der Erinnerung an die beklemmenden Bilder aus den Träumen zu konfrontieren und sie jedes mal darauf aufmerksam zu machen, dass die Angst, die daraus erwuchs, ihren Ursprung in seiner befremdlichen Erscheinung hatte. Seiner gefühllosen Stimme, seinen entseelten Augen…
„Du fürchtest ihn, die Kraft, die dich zu ihm zieht und das, was diese Kraft mit dir macht! Und du tust gut daran, dich zu fürchten, denn wenn du erst einmal in den engeren Wirkungskreis dieser Kraft gerätst, dann wird das passieren, wovor du dich so fürchtest: du wirst die Kontrolle, über das, was geschieht, verlieren.“
„Der Weg ist das Ziel! Ich bin bis hierher gekommen, ich habe Seelensteine gefunden und Dinge über mich selbst erfahren … der Weg ist…!“
Er unterbrach sie harsch:
„Schwachsinn! Das Ziel ist das Ziel. Mir machst du nichts vor – wenn am Ende des Weges nichts ist, dann fällst du tief und das weißt du!“
„Ich kann wieder aufstehen! DAS weiß ich!“
„Du könntest auch liegen bleiben, es würde nichts ändern.“
Endlos beschoss Spietato sie mit dem gesamten im zur Verfügung stehenden Arsenal zersetzender Gedanken. Als sie ihn endlich zum Schweigen gebracht hatte, hatte sich der Zweifel bereits festgebissen in den Umlaufbahnen der kreisenden Gedankenwelt. Wie ein langsam wirkendes Gift, das nach und nach die Gliedmaßen lähmte. Doch aus purer Gewohnheit trugen ihre Beine sie weiter auf dem Pfad, der sich steil einen Hang hinaufschlängelte. Sie taten beamtentreu ihren Dienst, genauso wie ihr Herz, das beständig in Hochfrequenz pumpte und ihre Lunge, die verlässlich ihren Atem kontrollierte, während ihr trotziger Geist im Inneren mit all der verbliebenen Kraft um die Überzeugung kämpfte, dass ihre Suche zu einem Endpunkt führen würde. Zu einem befriedigenden Zustand, zu einer überraschenden Entdeckung, zu einer neuen Erkenntnis, zu irgendetwas, das die Mühen des Weges wert war.
Natürlich bemerkte sie, wie ihr Inneres vorsichtig und gleichzeitig scheinheilig versuchte, auf Distanz zu gehen. Abstand von dem nahm, was eigentlich am Ursprung der Suche ihr eigentliches Ziel gewesen war: einen Weg zu finden, auf dem sie sich ihm nähern konnte.
Sie suchte nach dem Palast, in dem seine Gedanken zu Hause waren und nach dem Fluss, durch den seine Seele strömte. Sie hoffte auf den Wind, der sie mit seinen Worten streichelte und auf die Wärme seines Geistes, die sie schmeichelnd umhüllte. Sie dachte auch an seinen Körper, an die Geschmeidigkeit seiner Bewegungen, wenn er sich auf den Boden kauerte. An das Zucken der Sehnen auf seinem Unterarm. Es tat gut, sich diese Dinge konkret vorzustellen, auch wenn sie nicht wissen konnte, ob sie in ihrer Reichweite lagen und ob es sie überhaupt gab. Dennoch nährte es die Kraft, die sie vorantrieb.
Und so trug sie diese Vorstellung tatsächlich bis an das Ende des Weges. Bis an den Punkt, an dem der Seelenwald endete und direkt vor ihr eine steile Felswand in den Himmel aufragte. Nachdem sie die gesamte Länge der Wand in beide Richtungen abgegangen war, lag es auf der Hand, dass ein Weiterkommen nur durch das Bezwingen der Felswand möglich sein würde. Auf der einen Seite fiel die Wand in einen tiefen Abgrund ab, der so schauerlich in das schwarze Nichts stürzte, dass sie sich nur auf dem Bauch liegend an die Kante gewagt hatte. Nur für einen kurzen Blick, der sie zurückschnellen ließ.
Auf der anderen Seite führte der Felsrücken sie mit einer schroffen Kehrtwendung wieder in den Wald hinein, in genau die Richtung, aus der sie gekommen war. Sie starrte in die Höhe und ihr Blick glitt suchend an den Spalten im Granitstein entlang. Diese Wand zu erklimmen, war auf den ersten Blick ein Ding der Unmöglichkeit. Auf den zweiten Blick ebenso. Auf den dritten verlor man definitiv den Mut. Sie türmte sich zu einer unbarmherzigen Höhe auf und wirkte mit ihren zahlreichen Überhängen und Vorsprüngen unbezwingbar.
„Das muss dann wohl das Ende sein!“ kicherte triumphierend der hässliche Dämon in ihr. Sie ignorierte ihn, so gut es ging. Doch der halbwegs vernünftige Teil von ihr gab ihm heimlich recht. Selbst unter Aufbietung all ihrer Geschicklichkeit, ihrer gesamten Willensstärke und verbliebenen Kräfte würde sie vermutlich ohne Gepäck nicht einmal bis zur Hälfte dieser Felswand klettern können. Mit dem Bündel auf dem Rücken bestand überhaupt keine Chance die ersten zehn Meter zu überwinden. Mit dieser Erkenntnis setzte sie sich nieder und lehnte sich mit dem Rücken an die Felswand. Ungastlich, scharfkantig und kühl lud sie nicht zum Verweilen ein.
Doch sie blieb sitzen. Schlagartig wurde sie sich der Müdigkeit, die ihre Glieder befallen hatte wie ein bösartiger Krebs, bewusst. Schlafsüchtige, zellübergreifende Müdigkeit, die jedes Atom ihres Körpers zu erfassen und lahm zu legen schien. Es war, als ob eine universale Art von Erschöpfung und Antriebslosigkeit wie Pech von der Schicksalswand herabtroff und sich über sie ergoss. Vage flackerten in ihrem benebelten Bewusstsein Bilder von dem Vulkanausbruch, der die Stadt Pompeji unter sich begraben hatte, auf – Szenen aus einer Geschichte, die spiegelten, wie Menschen mitten in der Verrichtung von ganz alltäglichen Geschäften vom tödlichen Lavastrom überrollt und für immer darunter eingesperrt worden waren.
Die Bilder kamen, die Bilder gingen. Sie blieb sitzen. Die kühle Wand im Rücken, ihren Blick unfokussiert am Waldrand vorbei in den Himmel gerichtet. Die Sonne zog weiter und versank hinter der Kante in das schwarze Nichts des Abgrunds. Die Vögel kamen zur Ruhe. Alles um sie herum lief weiter, sie blieb sitzen.
Mit der heraufziehenden Nacht kam der herbstliche Frost, doch sie spürte ihn nur für einen kurzen Augenblick, dann tauchte ihr Bewusstsein wieder hinab in den Schacht, der auf den Grund ihrer Seele führte. Was es dort in aller Tiefe anstellte, war ihr selbst nicht klar, denn sie konnte nicht so tief blicken. Alles, was sie spüren konnte, war, dass jede Regung in ihr zum Erliegen gekommen war.

Absoluter Stillstand des Seins.

Selbst ihren Herzschlag konnte sie nicht mehr wahrnehmen, sie nahm an, dass sie weiter ein- und ausatmete, da sie bisher nicht erstickt war, doch sie konnte ihre Atemzüge nicht fühlen. Für einen Moment entfernte sich ihre Wahrnehmung aus ihrer Körperlichkeit, stieg hinauf und blickte aus einigen Metern Höhe auf die Gestalt hinab, die dort gegen den Fels kauerte. Als nächstes konnte sie beobachten, wie die Konturen dieser Gestalt sich langsam mit der Umgebung verbanden und somit auflösten, als ob jemand in einem Grafikprogramm den fade-out-Regler nach rechts verschob. Am Ende war da nur noch das Grau des Felsens, der Wald im Vordergrund, der Abgrund im Hintergrund und dahinter wiederum ein Himmel, an dem die ersten Sterne zu leuchten begannen.
„So verlässt man also diese Welt! Man verschwindet und hört auf zu sein!“ Einsam umkreiste sie diese an und für sich banale Erkenntnis, die aus dem Nichts zu ihr aufgestiegen war und offensichtlich nicht vorhatte, wieder zu verschwinden. Alles in allem keine unangenehme Art zu gehen, fand sie. Unauffällig, geräuschlos, schmerzfrei.
Und doch … und doch versetzte ihr die Vorstellung einen Stich. Es war überhaupt das erste Gefühl, dass sie wahrnahm, seit sie sich an der Wand niedergelassen hatte. Es tat nicht sehr weh, ein erträglicher Schmerz … und doch…
Wieder war es Spietato, der die Antwort parat hatte:
„Es schmerzt, weil du verblendet genug bist, um zu glauben, dass etwas von dir hier bleiben wird. Dass du etwas für die Nachwelt hinterlässt, etwas Bleibendes. Viele Menschen klammern sich an diese unsinnige Vorstellung!“
Sein hämisches Grinsen fraß den Großteil der hässlichen Fratze, die sein Gesicht war, auf. Sie fand keine Kraft, ihm etwas entgegen zu setzen. Mit Abscheu musste sie feststellen, dass offensichtlich die einzige Regung zu der sie überhaupt noch in der Lage war, der Dämon in ihr war. Ein Armutszeugnis … und doch… eine Regung. Ein Lebenszeichen.
Die Nacht schritt voran, der Mond zog seine Bahn. Sie blieb weiterhin sitzen.
In einem unfassbaren Dämmerzustand hockte sie an der Schicksalswand, die Augen halb offen, ihre Wahrnehmung so zurückgenommen, dass sie nicht hätte sagen können, wieviel Zeit um sie herum verstrichen war. Ebenso wenig, wie sie hätte sagen können, worauf sie wartete. Denn es gab nichts, worauf sie warten hätte können. Am Ende gibt es nichts, worauf man warten kann. Das Ende ist das Ende, ohne die Hoffnung auf einen Anfang.
„Psst! Schau mal dort, direkt am Waldrand, vor dem Abgrund!“
Natürlich war es der unverwüstliche Dämon in ihr, der offensichtlich nicht am Ende war. Und tatsächlich nahm sie nun durch ihre halboffenen Augenlider war, dass sich eine Gestalt aus dem Schatten der Bäume gelöst hatte und sich auf die Kante zu bewegte. Obwohl sie nicht das Gefühl hatte, dass ihr Hirn ordnungsgemäß funktionierte, wurden im Hintergrund offensichtlich Bilder abgeglichen und irgendetwas in ihr kam zu dem Schluss, dass die Konturen dieser Gestalt nur mit dem Umriss einer einzigen ihr bekannten Person übereinstimmten.
Es war sein Körper, der sich da völlig unaufgeregt auf den Abgrund zu bewegte. Die Arme schlenkerten mit dezenter Schlacksigkeit mit jedem Schritt, die Schultern beugten sich ganz leicht nach vorne, sein Hinterkopf zeichnete sich scharf gegen den nicht gänzlich schwarzen Nachthimmel ab. An der Kante stehend wandte er sich um und blickte direkt in ihre Richtung. Der Strahl seiner Lebendigkeit schoss in Windeseile auf sie zu und traf mit aller Gegensätzlichkeit auf die Apathie, die sie gefangen hielt.
Doch noch bevor sich etwas an ihrem lethargischen Zustand verändern konnte, hatte er sich wieder von ihr abgewandt und sich in einer geschmeidigen Bewegung direkt an die Kante gesetzt. Seine Beine mussten nun über dem Abgrund baumeln, auch wenn diese von seinem Rücken verdeckt wurden. Ein Schrei ballte sich im Inneren ihrer Brust zusammen und strebte nach außen, doch er war schneller. Ohne einen Augenblick des Innehaltens glitt sein restlicher Körper über die Kante und war verschwunden.

Es war der Moment, in dem ihr Herz wieder zu schlagen begann. Oder der Moment, in dem sie sich ihres Herzschlages wieder gewahr wurde.
Unkontrolliert erbrach sich die Wucht aller Gedanken, die plötzlich wieder präsent waren, über ihrem Geist.
Was war eben vor ihren Augen vor sich gegangen? Eine Wahnvorstellung? Ein Wachtraum? War er wirklich gekommen, um sich vor ihr in den Abgrund zu stürzen? Was für einen Sinn sollte das für ihre Suche ergeben? Oder war es ein Streich, der der geschmacklose Dämon in ihr ihr spielte?
Und gleichzeitig beschlich sie leise und unauffällig noch eine weitere Idee, deren Tragweite ihr im wörtlichen Sinne den Boden unter den Füßen wegzuziehen vermochte:
Konnte es sein, dass er gekommen war, um ihr den Weg aufzuzeigen, den sie nicht gefunden hatte? Den sie nicht sehen, nicht ernst nehmen wollte?
Sollte sie also seinem Beispiel folgend hinterher springen, um doch noch ans Ziel zu gelangen?
Die Erkenntnis, dass diese Vorstellung das sinnstiftende Moment auf ihrer Suche sein könnte, breitete sich in ihr aus wie ein Flächenbrand, fraß alle logischen Einwände und Widersprüche.
Viel langsamer als ihr Kopf begriffen ihre Arme und Beine, dass es nun an der Zeit war, ihren Dienst wieder anzutreten. Doch dann stand sie aufrecht und tat den ersten Schritt. Sie setzte einen Fuß vor den anderen, gestützt von ihrer letzten verbliebenen Überzeugung.

Es musste einen Weg geben.

Sie würde ihn finden.